Gleichstellung im Sport

Gleichstellung im Sport ist im Kontext der Gleichstellung in der Gesellschaft zu betrachten. Im Zusammenhang mit diesem Thema, kommen einige Fragen öfter vor als andere. Die häufigsten werden untenstehend erläutert. 

In der Rubrik „Gleichstellung im LSV S-H“ können Sie sich über konkrete Planungen und Projekte im Bereich der Gleichstellung im Landessportverband Schleswig-Holstein informieren.  Über neue Entwicklungen oder Ereignisse aus den Bereich Gleichstellung im Sport wird unter „Aktuelles“ berichtet.

In der Kategorie „Informationen“ finden Sie eine Auswahl an Artikeln, Flyern, Links usw. die sich weitergehend mit der Thematik beschäftigen. Unter „Arbeitshilfen“ stehen für Sie Materialien bereit, die Ihnen Anregungen geben sollen, die Vorteile geschlechtersensibler Sportentwicklung noch besser zu nutzen.

Was bedeutet Gleichstellung?

Die Gleichstellung der Geschlechter ist nicht mit Gleichberechtigung oder Gleichbehandlung zu verwechseln.

Gleichberechtigung hat die juristische Gleichbehandlung zum Ziel (z.B. Wahlrecht für Männer und Frauen).

Gleichbehandlung meint die Vermeidung von direkter oder indirekter Diskriminierung (z. B. gleiches Geld für gleiche Arbeit).

Gleichstellung umschreibt ein Soll-Zustand, bei dem die Möglichkeiten zur Teilhabe in allen Lebensbereichen paritätisch verteil sind.

Das bedeutet, dass Frauen und Männer die gleichen Zugangschancen, Rechte, Pflichten und Möglichkeiten in allen Bereichen des Lebens haben. Das gilt u.a. für die Erwerbsarbeit, die Versorgungsarbeit für Haushalt und Kinder, den Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik und die körperliche Unversehrtheit.

Die Gleichstellungsarbeit wirkt darauf hin, den Ist-Zustand dem Soll-Zustand anzunähern.
Sie beinhaltet daher Maßnahmen, die darauf hinwirken, dass alle, unabhängig vom Geschlecht gleichwertige Partizipation- und Einflussmöglichkeiten haben.
Gleichstellung betrifft (fast) alle Bereiche. Ein Film aus Schweden (in deutscher Sprache) verdeutlicht (kommunale) Gleichstellungarbeit in der Praxis. Themen sind u.a. Schneeräumen, Ambulanzen und Schulunterricht. Angewendet wurde Gender Mainstreaming.
 

Warum (noch) Gleichstellungsarbeit?

Seit 1949 gilt die gesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau. Gesetze alleine reichen aber offensichtlich nicht aus, um Denken und Verhaltenstendenzen grundlegend zu verändern. Die tatsächliche Umsetzung gleicher Rechte und echter Chancengleichheit ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen immer noch nicht Realität. Beispiele sind u.a. die unterschiedliche Verteilung von Lohn und Vermögen, der unterschiedliche Anteil an Haus- und Care-Arbeit und die unterschiedliche Repräsentation in politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Führungs- und Entscheidungsfunktionen.

Die Frage der Gleichstellung der Geschlechter ist nicht nur eine Frage der […] Teilhabe. Sie ist ein moralischer Imperativ – ein Imperativ der Fairness und Gerechtigkeit, der zahlreiche […] Dimensionen hat. Zudem belegen Umfrageergebnisse, dass die Geschlechtergleichstellung […] ein entscheidender Faktor für subjektives Wohlbefinden und Zufriedenheit ist.“ (OECD- Studie Gleichstellung der Geschlechter - Zeit zu handeln, 2012)

Positive Effekte der Gleichstellungsarbeit:

  • Sie ermöglicht bessere Arbeitsergebnisse. Viele Studien zeigen, dass gemischte Teams erfolgreicher agieren.
  • Sie unterstützt die Verwirklichung der Chancengleichheit und der echten Wahlfreiheit für einen individuellen Lebensentwurf.
  • Sie hilft, dass die Gesellschaft nicht die Potentiale der Hälfte der Menschheit vernachlässigt (auch ein volkswirtschaftlicher Vorteil).
  • Sie entwickelt Realitäten, die sicher stellen, dass Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten, Zuständigkeiten und Verbindlichkeiten haben, ihren Beitrag zu leisten – zu Hause, am Arbeitsplatz und im Ehrenamt –, womit sich ihr eigenes Wohlergehen und das der Gesellschaft erhöht

Veränderungen sind nicht immer einfach, und es braucht Initiativen, Wissen, Langmut, Arbeit und Zeit, bis sich tief verwurzelte Einstellungen im Kontakt mit einer sich wandelnden Realität verändern.
Darum Gleichstellungsarbeit!

 

Warum ist Gleichstellungsarbeit für den organisierten Sport wichtig?

Sehen wir 100,50 oder 25 Jahre zurück, so ist sowohl in der Gesellschaft als auch im Sport viel passiert: Die Anzahl der Frauen in den Vereinen ist gestiegen, der Frauenanteil in beschließenden Organen hat sich erhöht, die Verteilung der Ressourcen wurde gerechter, die Frauen haben große Erfolge in einigen Sportarten errungen. Es gab und gibt eine Entwicklung nach vorne, aber noch immer bleibt viel zu tun, bis sowohl die Gesellschaft als auch der Sport gleichgestellt ist.

Ein retardierender Umstand ist, dass das Sportvereinswesen von Männern gegründet wurde und daher noch immer stark von männlichen Normen und Machtstrukturen geprägt ist.

Ausgrenzungen und Vorurteile gegenüber Männern und Frauen sind mittlerweile die Ausnahme, aber es gibt sie noch. So dürfen Frauen erst seit kurzem offiziell Skispringen, aber Nordische Kombination dürfen sie noch nicht betreiben. Männer haben seit kurzem die Erlaubnis an internationalen Wettbewerben im Synchronschwimmen teilzunehmen, aber keinen Zugang zu Wettbewerben der Rhythmischen Sportgymnastik oder Schwebebalken. Mehr dazu auch hier in einem Artikel des Tagesspiegels.

Im Leistungssport erhalten Männer (als Aktive, Trainer oder Berichterstatter) oft höhere Prämien und verdienen mehr als Frauen.

Über Frauensportwettbewerbe wird deutlich weniger und anders in den Medien berichtet. Sportlerinnen werden oft trivialisiert und ihr Aussehen und Verhalten im Verhältnis zu ihren sportlichen Leistungen deutlich stärker in den Vordergrund gerückt als bei Männern.
Ein konkretes Beispiel aus dem Tennis ist hier beim Deutschlandfunk nachzulesen (Spiel-Satz-Sexismus). Ausführlicher ist die Studie der Bundeszentrale für politische Bildung zur Medienpräsens von Sportlerinnen.

51% der Einwohner Deutschland sind weiblich. Nach einer Studie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sind insgesamt Frauen sportlich aktiver als Männer. Trotzdem beträgt ihr Anteil in den Sportvereinen nur 40%.

In diversen Fitnessstudios und Sportkursen z.B. der Volkshochschulen ist der Frauen-Prozentsatz deutlich höher. Daraus lässt sich schließen, dass die Angebote und Strukturen des Vereinssports den Wünschen und Bedürfnissen von Männern öfter gerecht werden, als den Wünschen von Frauen.

Andersherum ist zu beobachten, dass Männer im Gesundheits-und Präventionssport der Vereine unterrepräsentiert sind, obwohl sie häufiger als Frauen z.B. von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten betroffen sind. Es gilt daher, in diesem Sektor Angebote zu schaffen, die stärker auf die männliche Zielgruppe ausgerichtet sind.

In den Führungsgremien des organisierten Sports in Deutschland sind Frauen nur gering vertreten.
Im DOSB liegt der Frauenanteil im Präsidium bei 30%.
In den Landessportbünden/-verbänden beträgt der Durchschnitt 24,4%, in den Spitzenverbänden 16,8%.
Weitere Details für die Bundesebene finden im aktuellen DOSB-Gleichstellungsbericht, für den Landessportverband Schleswig-Holstein (LSV S-H) hier.

Fazit:
Es gibt im noch viele Bereiche im organisierten Sport die in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter optimiert werden können.
Verbände, Vereine und Abteilungen, die sich dieser Herausforderung stellen und bestehenden Hemmnisse beseitigen, erweitern ihre Zielgruppen und werden dadurch interessanter und wettbewerbsfähiger. Sie gewinnen neue Mitglieder und ehrenamtlich engagierte Personen. Zudem verbessern sie ihr Image und werden attraktivere für (potentielle) Sponsoren.

 

Ist Gleichstellung (auch) ein Männerthema?

Gleichstellung ist ein Thema nicht nur von und für Frauen sondern für alle Menschen. Denn nicht nur Frauen, sondern auch Männer werden durch Klischees und festgefahrenen Rollenerwartungen eingeengt und haben Nachteile. Es geht darum gemeinsam eine chancengleiche Welt zu schaffen.
Dabei sind Männer nicht nur als Unterstützer (z.B. #heforshe-Kampagne), sondern auch als eigenständige Akteure wichtig, damit Alle Fortschritte erzielen.

Wer profitiert konkret?

a) die Gesamtgesellschaft
Studien belegen, dass mehr Gleichstellung sich nicht nur positiv auf den einzelne Menschen, sondern auf die ganze Gesellschaft auswirkt: Länder mit einem gerechteren Geschlechterverhältnis sind ökonomisch erfolgreicher, sozial balancierter und kulturell innovativer. Männer (und Frauen) die sich für Gleichstellung engagieren, verbessern die Gesellschaft, stärken die Wirtschaft und machen die Politik zukunftssicher.

b) weiblichen Verwandte/ Bekannte
Ist es richtig, dass unsere Mütter für die gleiche Arbeit weniger verdienen als unsere Väter? Ist es fair, dass unsere Schwestern nicht die Beförderung bekommen, die sie verdienen, nur weil sie Frauen sind? Fühlt es sich in Ordnung an, dass unsere Freundinnen Ziel sexistischer Witze oder sogar Gewalt werden? Ist es okay, dass dieser Tage unsere Töchter gesagt bekommen, sie gehörten nicht in den Job, sondern in die Küche? Für uns ist die Antwort ein klares Nein!“ (Vincent-Immanuel Herr & Martin Speer, deutsche Botschafter für HeForShe)

Männer können durch das Begrüßen und Unterstützen von Gleichstellungsmaßnahmen mit dafür eintreten, diese Benachteiligungen abzubauen. Dies ist umso wichtiger, als sie häufiger zu denjenigen gehören, die aktuell Führungsverantwortung tragen.

c) die Männer selber
Der Sänger Herbert Grönemeyer bringt es in mit der Zeile „Männer weinen heimlich, Männer kriegen ‘nen Herzinfarkt“ auf den Punkt.
Männer sterben früher, begehen öfter Selbstmord, sind öfter alkoholkrank und drogenabhängig und verbringen mehr Zeit im Gefängnis. Ein Grund dafür ist die sogenannte „Toxische Männlichkeit“. Sie beschreibt den ungesunden Lebensstil, der durch stereotype, konservative Männlichkeitskonzepte entsteht. Damit sind soziale Normen, Verhaltensweisen und Machtstrukturen gemeint, die Männer dazu veranlassen sich selbst (und anderen) zu schaden. Männer gehen beispielsweise nur halb so häufig zum Arzt wie Frauen und sterben daher öfter auch an heilbaren Krankheiten. Auch psychische Erkrankungen werden bei Männern deutlich seltener diagnostiziert, vor allem, weil sie weniger über ihre Gefühle sprechen und sich seltener Hilfe suchen.
Gleichstellung führt zu einem gesünderen Bild von Männlichkeit jenseits von vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen wie sich ein Junge oder ein Mann zu verhalten hat á la "ein Indianer kennt kein Schmerz" und "echte Männer weinen nicht".

Gelebte Gleichstellung hält für Männer außerdem ein größeres Repertoire von Berufs-und Lebensplanungen bereit. Es gibt z.Z. noch viele Strukturen und gesellschaftliche Vorurteile die Männer an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe und -wünsche hindern um nicht sozialer Ausgrenzung zu ertragen.  
Prominentes Beispiel ist die Vereinbarung von Beruf und Familie. Nach einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums möchten 42 Prozent der Männer eine Partnerschaft, in der beide erwerbstätig sind und sich etwa gleich viel um Haushalt und Kinder kümmern. Die Realität ist weit davon entfernt. Männern in längerer Elternzeit berichten häufiger als Frauen von Repressalien nach dem Wiedereinstieg und Männer die Teilzeit arbeiten sind nicht nur großem Erklärungszwang ausgesetzt sondern verpassen auch den Anschluss an eine gute Lohnentwicklung.
Auch in der Berufswahl schränken Geschlechterstereotype viele Männer und Jungs noch ein.

Im Sport erfahren Frauen, die sich „typische Männersportarten“ erobern, i.d.R. Anerkennung und weibliche Solidarität, während Männer in „typischen Frauensportarten“ auch noch in diesem Jahrhundert von vielen ihren Geschlechtsgenossen eher Häme und Unverständnis zu erwarten haben und/oder Vorurteilen bezüglich ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt sind.

Die Toxische Männlichkeit, in der der Mann u.a. als  finanzieller Familienalleinversorger,  emotionsloser ganzer „Kerl“ und „beinharter“ Sportler  definiert wird,  ist nicht naturgegeben, sondern wird als Aufgabe und Wesens des Mannes in Teilen der Gesellschaft tradiert.
Für Männern (genau wie für Frauen) sollten alle Wege abseits von Rollenklischees ohne Diskriminierung offen stehen. In diesem Verständnis ist Gleichstellungsarbeit von und für Männer wichtig und hat viele positive Auswirkungen auf ihre Lebensrealität und –qualität.